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Material Dictionary: Der Schlüssel zu transparenten und zukunftsfähigen Produktdaten

Wie lassen sich Materialien und Komponenten künftig einheitlich, transparent und branchenübergreifend beschreiben? Im Interview geben Detlev Raguse (ECLASS) und Stefan Willms (morphe*) Einblicke in die gemeinsame Entwicklung des Material Dictionary durch ECLASS und morphe*. Sie zeigen, welche praktischen Anwendungsfälle im Fokus stehen, welchen Mehrwert die Lösung für Unternehmen bietet und warum sie für digitale Lieferketten, Nachhaltigkeit und den Digitalen Produktpass zunehmend relevant wird.

Das „Material Dictionary“ ist in aller Munde, wenn es um moderne Stammdaten und Standardisierung geht. Was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff, und welches übergeordnete Ziel verfolgen ECLASS und morphe* mit dieser gemeinsamen Entwicklung?

Antwort: Das Material Dictionary als Teil von ECLASS ist eine konsequente Weiterentwicklung bestehender Stammdatenansätze, die insbesondere durch regulatorische Anforderungen wie die ESPR (Ecodesign for Sustainable Products Regulation) vorangetrieben wird. Diese fordert eine deutlich tiefere Digitalisierung von Produktinformationen. Während bislang häufig die Betrachtung auf Produktebene im Fokus stand, verschiebt sich die Perspektive zunehmend hin zur Komponente – ganz im Sinne des Prinzips „a component is a product“.

Genau hier setzt das Material Dictionary an: Es schafft eine einheitliche Methodik zur Beschreibung von Materialien und Komponenten über alle Materialklassen und Branchen hinweg. Dadurch wird eine standardisierte, durchgängige Datenbasis ermöglicht, die sich nahtlos in bestehende ECLASS-Strukturen integriert. Für Unternehmen und Softwareanbieter, die bereits mit ECLASS arbeiten, bedeutet das: geringe Einstiegshürden bei gleichzeitig deutlich erweitertem Informationsgehalt im Kontext des Produkts.

Für wen wird das Material Dictionary das tägliche Arbeiten verändern? Welche Branchen und spezifischen Rollen im Unternehmen – zum Beispiel im Einkauf, der Entwicklung oder dem Datenmanagement – bilden die primäre Zielgruppe, und wie sieht ein typischer Verwendungs- oder Anwendungsfall in der Praxis aus?

Antwort: Das Material Dictionary adressiert im Kern alle Unternehmen, die komplexe Produkte entwickeln, herstellen oder beschaffen – also insbesondere Industriebranchen wie Maschinenbau, Elektrotechnik, Automotive oder Bauwesen. Innerhalb dieser Unternehmen profitieren vor allem Funktionen wie Entwicklung, Einkauf, Nachhaltigkeitsmanagement und Stammdatenmanagement.

Ein zentraler Anwendungsfall ist die sogenannte Full Material Declaration (FMD), also die vollständige Transparenz über alle eingesetzten Materialien eines Produkts. Diese ist heute in der Praxis oft nicht umsetzbar. Gründe dafür sind historisch gewachsene und uneinheitliche Werkstofflisten, fehlende strukturierte Informationen auf Komponentenebene sowie eine unzureichende Datenlieferung seitens der Zulieferer.

Das Material Dictionary schafft hier Abhilfe, indem es eine standardisierte Sprache und Struktur bereitstellt, die entlang der gesamten Lieferkette genutzt werden kann. So wird es erstmals realistisch, vollständige Materialinformationen konsistent zu erfassen, auszutauschen und weiterzuverarbeiten.

Stammdatenprojekte gelten in Unternehmen oft als trocken und aufwendig. Warum lohnt sich die Beschäftigung mit dem Material Dictionary trotzdem ab Tag eins? Welchen messbaren Nutzen und welche strategischen Vorteile bringt das System für die Anwender mit sich?

Antwort: Auch wenn Stammdatenprojekte zunächst mit Aufwand verbunden sind, zahlt sich die Investition ECLASS in Kombination mit dem Material Dictionary sehr schnell aus. Einer der größten Vorteile liegt im effizienteren Einsatz von Ressourcen: Daten müssen nicht mehrfach erhoben oder manuell nachgepflegt werden, sondern stehen strukturiert und konsistent zur Verfügung.

Darüber hinaus eröffnet das Dictionary neue strategische Möglichkeiten, insbesondere im Kontext von sogenannten R-Strategien wie Repair, Refurbish oder Recycling. Nur wer seine Materialien und Komponenten genau kennt, kann Produkte (bzw. Teile oder Materialien) gezielt wiederverwenden oder nachhaltiger gestalten.

Nicht zuletzt ermöglicht die standardisierte Datenbasis transparente Prozesse, die sich deutlich besser automatisieren lassen. Das reduziert Fehler, beschleunigt Abläufe und schafft eine belastbare Grundlage für datengetriebene Entscheidungen.

Ein Blick hinter die Kulissen: Wo steht das Projekt zum jetzigen Zeitpunkt? Was sind aktuell die größten Meilensteine, die Sie bereits erreicht haben, und vor welchen technologischen oder konzeptionellen Herausforderungen stehen Sie in der jetzigen Entwicklungsphase?

Antwort: Ein zentraler Meilenstein des Projekts ist die bewusste Entscheidung, im bestehenden ECLASS-Datenmodell zu bleiben. Dadurch wird sichergestellt, dass bestehende Strukturen weiter genutzt und erweitert werden können, anstatt komplett neue Systeme aufzubauen.

Konkret basiert das Material Dictionary weiterhin auf den etablierten Elementen von ECLASS: der Klassenstruktur, den Merkmalen sowie den dazugehörigen Werten. Diese Kontinuität erleichtert die Integration erheblich und schafft Vertrauen bei Anwendern.

Die aktuellen Herausforderungen liegen vor allem darin, die notwendige Detailtiefe auf Komponenten- und Materialebene abzubilden, ohne die Komplexität für Anwender zu stark zu erhöhen. Gleichzeitig gilt es, eine breite Akzeptanz entlang der Lieferkette zu erreichen, da der Nutzen maßgeblich von der Mitwirkung aller Beteiligten abhängt.

Die wohl wichtigste Frage für die Praxis: Wann ist mit dem offiziellen Livegang zu rechnen? Planen Sie vorab eine Pilot- oder Beta-Phase mit ausgewählten Partnern, und wie können interessierte Unternehmen den Startschuss am besten vorbereiten?

Antwort: Ein konkreter Livegang hängt aktuell noch von verschiedenen Entwicklungs- und Abstimmungsprozessen ab. Es ist jedoch vorgesehen, vor der breiten Einführung Pilot- beziehungsweise Beta-Phasen mit ausgewählten Partnern durchzuführen. Diese sollen helfen, das Modell unter realen Bedingungen zu testen und weiter zu optimieren.

Unternehmen, die sich frühzeitig vorbereiten möchten, sollten zunächst ihre bestehenden Stammdatenstrukturen analysieren und prüfen, inwieweit diese sich bereits mit ECLASS matchen lassen. Darüber hinaus empfiehlt es sich, interne Prozesse im Hinblick auf Materialtransparenz und Lieferantendaten zu überprüfen und erste Pilotanwendungen zu identifizieren.

Zum Abschluss ein Blick nach vorn: Das Material Dictionary wird sich mit den Anforderungen des Marktes weiterentwickeln. Wenn wir uns in fünf Jahren wieder zu einem Interview treffen – welchen Stellenwert wird das Dictionary dann in der globalen Lieferkette und im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung (Stichwort: Digitaler Produktpass) einnehmen?

Antwort: In fünf Jahren wird das Material Dictionary eine zentrale Lücke in der digitalen Beschreibung von Produkten und ihren Bestandteilen geschlossen haben. Es wird als verbindendes Element zwischen Materialien, Komponenten und dem finalen Produkt fungieren – und das über alle Branchen hinweg - zur Erfüllung der primären Ziele der ESPR:.

Insbesondere im Kontext des Digitalen Produktpasses wird das Dictionary eine Schlüsselrolle spielen, da es die notwendige Datenbasis für Transparenz, Nachverfolgbarkeit und Nachhaltigkeitsbewertungen liefert. Gleichzeitig wird die Usability weiter verbessert worden sein, sodass Unternehmen die Informationen nicht nur erfassen, sondern auch effizient nutzen können.

Damit entwickelt sich das Material Dictionary zu einem grundlegenden Baustein moderner, digital vernetzter Lieferketten.

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